Feuilleton Blogartikel 4 2022 moJou 4_001

Warten

„Der Weg ist das Ziel“. Vielleicht ist das genau der Satz, der es auf den Punkt bringt.  Ich warte also nicht mehr, sondern ich gehe einen Weg. Aber ab und zu passiert es mir doch. Und dann warte ich. Und manchmal ist es dann zu spät.

Eigentlich wollte ich nicht mehr warten. Ja, ich habe oft gewartet. Gewartet, zehn und 18 Jahre alt zu werden. Gewartet auf Weihnachten. Auf Menschen, von denen ich dachte, es könnte mit uns klappen. Auf Autos, Geld, Möbel, Kundenentscheidungen, Prozesse, Wundheilungen, sich auflösenden Stau oder auf Erkenntnis.  Irgendwann habe ich lange genug gewartet um zu begreifen, dass Warten nicht Warten ist, sondern, dass diese Zeit eine Wegstrecke ist. Und dieser Weg kann mit Inhalt gefüllt werden. Manche sagen „Der Weg ist das Ziel“. Und vielleicht ist das der genau treffende Satz.  Ich warte also nicht mehr, sondern ich gehe einen Weg. Aber ab und zu passiert es mir doch. Und dann warte ich. Und manchmal ist es dann zu spät.

Mein Sohn war 10 Jahre und er sollte telefonisch bestelltes Essen vom Chinesen holen. Wir hatten nur Essen bestellt, denn Getränke hatten wir ja zu Hause. Als er wiederkam, stellte er die weiße, duftende Tüte auf die Arbeitsfläche, strahlte über alle Backen und drückte mir eine eiskalte Getränkedose in die Hand.

Ich liebte dieses Getränk, aber ich kaufte es nie, denn für das Geld war zu wenig drin. Er hatte mich also von meinem Geld auf eine Dose Lieblingsgetränk eingeladen. „Die stelle ich in den Kühlschrank. Und wenn der richtige Moment kommt, dann werde ich dieses Getränk sehr genießen. Vielen Dank.“

Wir zogen um. Aus unserer kleinen Wohnung mitten in der Stadt an den Stadtrand. Und dann zogen wir vom Stadtrand aufs Land.  Die Dose zog mit und das Kind irgendwann aus. Das Haltbarkeitsdatum ist inzwischen weit überschritten. Und ganz abgesehen von den Beulen und Kratzern, ist es noch immer mein Lieblingsgetränk. Aber diese Dose ist noch mehr. Sie ist die Erinnerung an den immer richtigen Moment, um etwas zu genießen. Im Bestfall ist das ein nicht zu spät kommen, wenn das Kind den ersten Schritt macht. Wenn der Moment für den ersten Kuss gekommen ist, ihn nicht verstreichen zu lassen. Bei einem letzten Atemzug dabei zu sein und Frieden zu fühlen. Oder eben ein Getränk zu genießen, ohne auf das Ablaufdatum zu warten.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.